Wie funktioniert IP Lernberatung - Lernermutigung

Lernberatung

„Paul, 9 Jahre – Beispiel aus der Lernberatung“

Paul ist ein aufgeweckter, verspielter und manchmal übermütiger Neunjähriger.
Bei seinen „Taten“ zeigt er, er hat Phantasie, ist kreativ und steht auch gerne im Mittelpunkt. Er wirkt neugierig, ist aktiv, hat viele Freunde in der Klasse und spielt auch manchmal gerne den sogenannten „Klassenkasperl“.

Obwohl er der Älteste ist, hat seine Schwester ihn im Schreiben und Lesen bereits überholt. Seit vielen Jahren ist er deswegen sogar in „Behandlung“ bei einer Psychologin, aber die Fortschritte sind nur zögerlich, wenn überhaupt, festzumachen.

Laut Lehrerin habe er seit Schulbeginn in der 1. Klasse Volksschule eine sog. „Lese-Rechtschreib-Störung“, die sich folgendermaßen äußert: er schreibt nicht auf den Zeilen, er kann nur stockend lesen, er fasst Worte und Sätze z. T. völlig unterschiedlich zusammen, die Zuordnung von Buchstaben und Wortzeichen fällt ihm schwer, er verwechselt immer wieder Laute, Buchstaben und Silben miteinander.

Während des Unterrichts fällt es ihm schwer, die ganze Zeit still zu sitzen und zuzuhören. Er kann nicht verhindern, dass seine Gedanken zu den Erlebnissen in der Schule, zuhause und mit seinen Freunden hin und her wandern. All das macht ihm viel mehr Spaß, er würde lieber die ganze Zeit spielen.

Die Lehrerin muss ihn während des Unterrichts oft ermahnen, es fällt ihm schwer, mitzuarbeiten und dran zu bleiben, und die anderen Kinder nicht zu stören. Die schulischen, vor allem die schriftlichen Arbeiten, sind flüchtig und unvollständig.

Das Drohen und Schimpfen, die Ermahnungen, scheint er nicht wahrzunehmen. Die Langeweile ist sein ärgster Feind. Paul kann als einziger in der Klasse nicht ausreichend gut lesen und schreiben. Doch auch die Legasthenietherapiegruppe hilft ihm nur wenig. Die gezielte Förderung scheint nicht zielführend zu sein.

Was ist da los?

Paul ist ein Kind mit nachgewiesen gut kognitiven Lernvoraussetzungen.

- Selbst veränderte Lernverfahren, unterschiedliche didaktische und methodische Zugänge, bringen keinen Erfolg.

- Intensives Üben bewirkt keine nennenswerten Veränderungen.

IP Verstehen heißt verändern

Um den Ansatz „IP Lernberatung und Lernermutigung“ verstehen zu können, möchte ich weiter ausholen:

Wir suchen in der klassischen Entwicklungspsychologie häufig die Gründe für solche „Lernstörungen“ in der Entwicklungsgeschichte des Kindes, also im frühen und frühesten Kindesalter.

Die IP-Verstehensweise ist zwar ein genauso ganzheitlicher Ansatz und bemüht sich auch darum, die Bedeutung der Vergangenheit, also der frühen Kindheit (Schwangerschaft, Geburt, Kindergartenzeit, motorisch-kognitive Entwicklung usw.) miteinfließen zu lassen – allerdings nicht nur.

Das Problem des Lese- und Schreibversagens ist nicht nur ein an vergangen Ursachen orientiertes, sondern auch eines, das die Frage nach den unbewussten, zukünftigen ZIELEN des Lernverhaltens des Kindes Paul stellt (vgl. Lernermutigung/Lernberatung von Christine Reimann).

WOZU?

WOZU hat Paul diese Lernstörungen entwickelt? Welchen Nutzen hat er davon?

Paul schrieb an einem Text. Wir erarbeiten den Text, nachdem festgestellt wurde: Paul schreibt grundsätzlich (noch immer!!!) gern, obwohl er bereits viele Jahre lang sehr ent-mutigende Erfahrungen gemacht haben muss. Er hat das Schreiben noch immer nicht verweigert, nach all den Mühen und nicht zufriedenstellenden Ergebnissen ist er noch immer bereit, sich hinzusetzen und sich mit dem Schreiben zu beschäftigen.

Das beweist, dass er lernen will. Es beweist auch, dass es der Lehrerin gelungen ist, ihn für das Schreiben immer wieder zu ermutigen und zu gewinnen. Wir entscheiden, den Text, den er geschrieben hat, gemeinsam zu lesen.

„Die Fehler suchen“, so Paul mit einem Blick auf die Lehrerin, „macht die Lehrerin! Ich will, dass meine Lehrerin meine Fehler ausbessert.“

Ich schlage ihm vor, den Text folgendermaßen zu bearbeiten: mit einem Stift ringelt er alle Wörter ein, die RICHTIG sind. Das tut er, und hier tut sich bereits das erste AHA Erlebnis auf: wie kann jemand, der eine Lese Rechtschreibschwäche hat, fast alle richtig geschriebenen Wörter selbstständig erfassen und kennzeichnen?

Das nächste AHA Erlebnis: Paul kann einige der Wörter, die falsch geschrieben wurden, und somit auch von ihm nicht eingekreist wurden, selbstständig verbessern. Das ist meiner Erfahrung nach für Menschen, die eine Lese-Rechtschreibstörung haben, nicht möglich.

In der weiteren Arbeit mit der Lehrerin stellen wir fest: Paul sichert sich so seinen Platz, seine Art und Weise, in der Klasse Stellung zu beziehen – so paradox das auch klingen mag, aber diese Lernstörungen zeigen ihm, wie er sicher stellen kann, sich der Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung der ihm vertrauten, also mütterlichen Menschen, sicher zu sein.
Er hat so, auf diese ganz spezielle Art und Weise, Stellung genommen zu den Anderen, zu seiner Umgebung.

Opfer oder Täter?

„Es sind selbst entwickelte, wenn auch unbewusste, Reaktionen des Betroffenen auf die von ihm erlebten Bedingungen.“

Paul ist somit nicht das Opfer seiner Lernstörungen.

Ausschlaggebend ist: welche Not bzw. welcher Mangel liegt der Störung zugrunde, und wozu, mit welchem zukünftigen Ziel hat das Kind Paul diese Lernstörungen entwickelt?

Gerade in den letzten Jahren ist verstärkte Begleitung durch Lerntherapien, Lernförderstunden und ähnliche Angeboten sehr „in“. Allerdings ist diese nach dem Individualpsychologisch-pädagogischem Ansatz nicht zielführend:

die Freizeit der Kinder mit Lernschwierigkeiten wird durch die zusätzliche Förderstunden noch mehr eingeschränkt.

Sie brauchen aber gerade wegen dieser Lernprobleme noch mehr Zeit für ihre Lernaufgaben und Schulübungen. Der sehr wichtige Ausgleich zu anstrengenden, kognitiven und geistigen Tätigkeit in der Schule ist selten möglich. Die Kinder werden schneller müde, können sich immer weniger gut konzentrieren und trotz des verstärkten Übens bleiben richtige Erfolge aus. Das ist eine Entmutigungsspirale. Der große Druck der dadurch entsteht, bei Kindern, Eltern und Lehrern, sorgt für noch mehr Entmutigung.

Lernen heißt Zeit haben.

Lernen heißt Zeit haben.
Nicht selten gibt es dann auch Kämpfe zuhause, die Kinder weigern sich, soviel zu üben, oder sie sind traurig, weil sie es nicht so gut können wie die anderen Kinder oder Schulkollegen.

Paul erzählt: „Lieber will ich spielen. Lernen finde ich nicht so gut.“

Gemeinsam mit der Lehrerin erarbeiten wir eine Möglichkeit, Paul zu helfen, seine Schreibschwierigkeiten zu überwinden – unter anderem, dass er lernt, die richtigen Wörter herauszuarbeiten aus seinen Texten, damit er erkennt, WIEVIEL er schon richtig schreiben kann.

Das ermutigt ihn, so seine Lehrerin. Nach einigen Wochen arbeite ich noch einmal mit ihm und er schreibt jetzt im Heft auf der Zeile und achtet auch den Rand des Heftes. Welcher Fortschritt für jemanden, der die Regeln der Orthographie noch vor Wochen kaum annehmen konnte und vorzugsweise auf Zettel ohne Rand und Vorgaben schrieb!

Was kann helfen?

In Pauls Fall, ihn als gleichwertigen „Lernpartner“ anzunehmen, ihn und seine Art des Lernens zu respektieren, auch, wenn das schwer fällt, ihn nicht wie ein Kleinkind zu behandeln, ihn also auch anzusprechen wie jemanden, der auf Augenhöhe mit dem Pädagogen steht;

spielerisches Herangehen unbedingt zu vermeiden (das wäre noch entmutigender und würde zu noch mehr Lernunlust führen), ihnen klarzumachen, dass Lernarbeit und die Aufgaben nicht leicht sind, sondern das geistige Engagement der Kinder eben auch herausfordern müssen, damit Erfolge zu sehen sind;

Über allem aber steht, dass der Lehrer die Schreibschwäche nicht als Symptom sieht, sondern als eigenständiges Problem. Solange wir die psychologische Dynamik dieses Problems nicht verstehen, können wir nicht verstehen, dass die Schreibstörung nur das Symptom eines tieferliegenden Problems ist.

In diesem Fall müssen wir auch das Augenmerk auf die Verwöhnung legen, die in dem Fall von Paul bereits stattfindet:

das Nebensitzen und gemeinsame Üben, das Ausbessern der Fehler in den von ihm geschriebenen Texten, ist in diesem Falle bereits Verwöhnung. Das Erlernen der Kulturtechniken Lesen und Schreiben sind Techniken, die wir auf dem Weg in das Erwachsensein alle erlernen müssen, dazu brauchen Kinder die Hilfe von Erwachsenen, aber sie müssen auch lernen, die Fehler, die sie dabei machen, in kleinen Schritten selbst differenzieren zu lernen und zu korrigieren.

Dazu müssen Kinder Kraft, Anstrengung, Interesse und Engagement aufbringen.

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