Sabines Blog

Crash-Kurs Elementarpädagogik?

Krise in der Elementarpädagogik?

Ich möchte Stellung beziehen und meinen Unmut ausdrücken: über den „Crash Kurs“ der angeblich so ja gar nicht gemeint ist, über die Ignoranz der politisch Verantwortlichen, was die Rahmenbedingungen in den Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen betrifft, und darüber, dass die professionelle Betreuung von Kindern noch immer nicht als das gesehen wird, was sie ist: Die wichtigste Basis für Entwicklung, Wohlergehen und Wirtschaft in einem Gemeinwesen.

Komplexe Diskussion

Die ganze Diskussion, in die nun auch Schüler*innen und Absolvent*innen der BAFEPs (Bundesanstalt für Elementarpädagogik) eingreifen, ist sehr komplex und sehr vielschichtig, und wenn wir das Berufsfeld nicht kennen, können wir unter Umständen die Dynamiken dazwischen nicht wahrnehmen und nicht verstehen. Sie sind aber wichtig, um gemeinsam Lösungen zu finden, damit Professionalisierung auf allen Ebenen gelingen kann.
Die Ausbildung an den BAFEPs in Österreich ist mit Sicherheit von sehr hoher fachlicher Qualität. Mein ältester Sohn hat gemeinsam mit zwei Kolleg*innen während der 4. Klasse ein Praktikum in einem achtgruppigen Kindergarten mit Krippe in Lörrach (DE) absolviert, und der zuständige Leiter (mit 30 Jahren Leitungserfahrung) war begeistert von dem fachlichen Können, dem Einsatz und der Expertise der österreichischen Praktikant*innen.

Spannungsfeld Ausbildung – Pädagogischer Alltag – Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Viele
Auszubildende haben in ihrer Ausbildungszeit an den BAFEPs sehr viel zu bewältigen. Es ist nicht nur das wissenschaftliche Bild vom Kind, mit dem sie sich auseinandersetzen sollen, es ist auch das eigene Bild, von dem Kind, das sie einmal waren, das sie beschäftigt und das sie reflektieren sollen, es sind auch die konkreten Kinder und die konkreten Situationen aus dem pädagogischen Alltag, die sie herausfordern und mit denen sie sich konfrontieren müssen. Praxisarbeit während der Ausbildungszeit an einer BAFEP bedeutet Arbeit im Kindergarten, in einem Feld, das alle Dimensionen menschlichen Miteinanderseins beherbergt, zusätzlich zu methodisch-didaktischen und fachlichen Ansprüchen und Aufgaben.

Gleichzeitig nehmen die Schüler*innen die anstrengenden, entmutigenden und nicht mehr zeitgemäßen institutionellen Rahmenbedingungen wahr, haben die deutlich sichtbare mangelnde Wertschätzung im Hinterkopf. Das, was sie an den BAFEPs lernen, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, sollen sie am besten in den Einrichtungen wieder vergessen: wenn die Rahmenbedingungen in Krippen, Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen sich nicht mit den aktuellen Forschungsergebnissen decken.
In dieser Komplexität sollen die Auszubildenden sich selbst, ihre eigene Erziehung und ihre Biographie besser kennen- und verstehen lernen, um später nicht nur als Fachautorität die Einrichtung gegenüber Erhaltern und der Öffentlichkeit vertreten zu können, sondern vor allem, um die ihnen anvertrauten Kinder einfühlsam, liebevoll und gleichzeitig kompetent führen und begleiten zu können. Eine große Aufgabe, die Mut und Behutsamkeit, Reflektiertheit und Geduld, Fachwissen und Herzensbildung erfordert.

Spannungsfeld Theorie – Praxis

Konzepte, die in der Kindergartenpraxis, im Unterricht und in der Weiterbildung unterrichtet werden, müssen alle Bedingungen und Widersprüchlichkeiten des pädagogischen Alltags miteinbeziehen. Darauf sollte flexibel und beziehungsorientiert, also demokratisch, reagiert werden. So könnte man auch die Idee des Bildungsrahmenplans eigenverantwortlich interpretieren. Das ist auch gängiges (theoretisches) pädagogisches Ideal.
Das Feld der Elementarpädagogik ist ein sehr sensibles Feld: hier werden nicht nur individuelle Erfahrungen getriggert, angesprochen und im besten Falle verarbeitet, sondern hier werden auch generationenübergreifende Themen wie schwarze Pädagogik, autokratische Erziehungskonzepte- und Stile, Bindungsthemen und Bindungsstörungen weitergegeben.
Erziehung, Pädagogik und alles was dazugehört, ist ein Feld, in dem nach wie vor zu „mechanistisch“ gedacht wird und zu wenig geachtet wird darauf, dass auch die Gefühle und das Unbewusste eine große, wenn nicht die tragende Rolle überhaupt, spielen.

Für eine neue Kultur des Lernens: für Professionalisierung auf allen Ebenen

Wir befinden uns in einem Paradigmenwechsel, in dem alle gefordert sind, ihre Stimmen zu erheben. Wir müssen uns jetzt einsetzen für eine neue Kultur des Lernens. Wir müssen jetzt dafür streiten. Wir müssen jetzt dafür öffentlich eintreten. Es ist endlich Zeit, die Dinge nicht nur beim Namen zu nennen, sondern auch dafür einzustehen und den mühsamen, endlos langen, unbequemen Weg des Umlernens, des Neu-Einübens und des Erforschens zu gehen.
Pädagogische Qualität entsteht vor allem durch einen biographischen Entwicklungsprozess, auf den sich angehende und bereits tätige Pädagog*innen einlassen müssen, um „erfolgreich“ zu sein. Und Erfolg meint in diesem Zusammenhang: um gelingende Beziehungen zu haben, um eine Kultur des Lernens und der Entwicklung mit zu begründen, um notwendige Schritte zu setzen, damit Demokratie erhalten bleibt und demokratisches Lernen bereits von frühester Kindheit eine Selbstverständlichkeit wird.
Pädagogische Aus-, Fort- und Weiterbildung hat vor allem auch mit biographischer und generationenübergreifender (Selbst-)Reflexion zu tun, und sehr wenig mit dem einfachen Umsetzen und Anwenden von Wissen und Können. Und dabei benötigen die Menschen, die in diesem Feld tätig sind, Mut, Kraft und Energie, und Respekt und Wertschätzung.

Theorie und Praxis: ein Widerspruch?

Ein weiterer Punkt ist, dass (angehende) Elementarpädagog*innen grundsätzlich darin unterstützt werden müssen, gängige Modelle, Theorien und pädagogische Konzepte kritisch zu hinterfragen. Es gehört zu einer wichtigen Fähigkeit, sich selbst, traditionelle Systeme und pädagogische Konzepte im Kontext von gesellschaftlichen Prozessen zugunsten der Lernprozesse und der Beziehungsdynamiken zwischen Eltern, Kindern und Fachpersonal vor Ort in Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen zu hinterfragen und bei Bedarf auch über Bord zu werfen.
In der Ausbildung zum Elementarpädagogen/zur Elementarpädagogin werden biographische Reflexions- und Erinnerungsprozesse angestoßen, die bei dem einen oder der anderen zu Verunsicherungen führen können. Mit solchen Verunsicherungen oder sogar „Erschütterungen“ gehen Menschen, je nach Lebensstil, unterschiedlich um: manche entwerten das System, manche brechen die Schule ab, manche entschließen sich, nicht in diesem Beruf tätig zu sein. Die Menschen, die diese Prozesse während der Kindergartenpraxis begleiten, sind dabei sehr entscheidend, denn sie dienen als „Role Model“: wenn in dieser Zeit mit den jungen Pädagog*innen/Betreuer*innnen/Assistent*innen wertschätzend und ermutigend umgegangen wird, und der Fokus auf Entwicklung und Lernen liegt (und nicht so sehr auf dem „Funktionieren“ und automatisierten Abarbeiten von Aufträgen) dann besteht eine große Chance, den jungen Menschen für diesen Beruf zu begeistern. Zumindest kann man sich dann auf schwierige Rahmenbedingungen leichter einlassen. Das betrifft im Übrigen auch ALLE Lehrberufe.

Professionell pädagogisch tätig sein heißt, mit Verunsicherungen und Unsicherheiten umgehen lernen

Verunsicherungen und Widerstände gehören grundsätzlich jedoch zum Wesen von Entwicklung und Wachstum und zum Erwachsenwerden. Sie sind weder ein Zeichen dafür, dass die Ausbildung schlecht ist, noch sind sie ein Zeichen dafür, dass der junge Mensch für den Beruf des Pädagogen nicht geeignet ist. Im Gegenteil, wer Erikson aufmerksam gelesen hat, weiß, bewältigte Identitätskrisen sind ein wesentlicher Teil einer normalen, gesunden und notwendigen Entwicklung. Nur ist das in unserer glatten, perfektionistischen, schnelllebigen und „positiven“ Zeit, schwer auszuhalten. Alles, was verletzlich, brüchig und nicht fit, smart und healthy wirkt, ist schon suspekt oder unerwünscht.
Es ist ein Phänomen, das unserem „Zeitgeist“ entspricht, und zusätzlich die Entscheidung, in diesem Beruf tätig zu werden, zu beeinflussen scheint: die Vorstellung davon, alles müsse perfekt, vollkommen sein und immer gelingen, die Vorstellung von einem „erfolgreichen“ Leben, in dem es eine gute Work-Life-Balance gibt, in dem alles so ist, wie ich es mir als Ideal ausmale, diese Vorstellung hält unter Umständen nicht nur so manche Elementarpädagog*in davon ab, den Schritt in diesen Beruf zu wagen. Denn die Rahmenbedingungen und Anfordernisse stellen für viele ein bitteres Erwachen dar.

Das Geschäft mit der Pädagogik und der „wertvolle“ Output

Um die Elementarpädagogik, um Pädagogik überhaupt, um alle sozial-humanistischen Berufe in dieser Zeit „wert“voll zu machen, haben wir mit krankhafter bürokratischer Akribie in den letzten Jahrzehnten begonnen, alles und alle zu (ver-)messen, zu bewerten, zu evaluieren, Portfolios in Kindergärten zu erstellen (der Begriff Portfolio ist der Wirtschaft entlehnt); wir kontrollieren, beschreiben, administrieren uns auch in diesem Bereich noch bis zur Erschöpfung, um der Ökonomie willen.
Wir wollen, dass dieser Bereich, gleich viel wert ist wie der Wirtschaftsbereich, Juristen und computergestützte Administration wollen alles genauso überschau- und planbar machen wie es in der Technik und überall dort, wo etwas produziert wird, üblich ist. Aber so geht Bildung nicht. Wir können Bildung und Lernen nicht „industrialisieren“. Wir dürfen auf keinen Fall dieselben Maßstäbe, die Wirtschaft und Industrie nutzen, in der Bildung oder Pädagogik als Qualitätskriterien akzeptieren. Bildung, Lernen, Lernprozesse, die Entwicklung von Kindern, all das kann nicht „gemessen“ werden. Das ist ein zutiefst entwürdigender und diskriminierender Vorgang. Die Arbeit mit Menschen ist der einzige Bereich, der anderen, nicht materialistisch-mechanistischen Qualitätskriterien unterliegen darf. Pädagogik darf, genauso wie Pflege und Medizin, nicht verbetriebswirtschaftlicht werden.

Im Übrigen halte ich das Vorgehen der politischen Parteien, was diese Gesetzesänderung betrifft, für subtile strukturelle Gewalt. Gerade in Corona Zeiten, wo alle Menschen gefordert sind, wo psychische Erkrankungen, häusliche Gewalt und Unsicherheit rasant zunehmen, sollen Menschen ins kalte Wasser geworfen werden mit einem 30 Stunden Kurs? Wie können sie Eltern und Kinder adäquat begleiten? Ist begleitende Supervision, die der Träger bezahlt, vorgesehen? Sind regelmäßige Coachings vorgesehen, um das Team, die Leitung, die pädagogischen Fachkräfte engmaschig und begleitend zu entlasten? Werden die Gehälter der Leiter*innen angehoben, um den Mehraufwand, der jetzt durch die Covid19 Hygienevorschriften entsteht, zu entgelten?

Das Lohn- und Qualitätsdumping, das in der Elementarpädagogik jetzt massiv und im Grunde ja schon seit gefühlten Ewigkeiten betrieben wird, ist Ausdruck einer völlig fehlgeleiteten und entwürdigenden Parteipolitik, die Solidarität, Gemeinschaft, kollektiven Zusammenhalt nur mehr als leere Worthülsen in Lehr- und Bildungsrahmenplänen oder Parteireden zu indoktrinieren versucht.

Ermutigende Ausblicke!

Der Prozess der Demokratisierung ist zum Glück nicht mehr aufzuhalten, auch nicht mehr in den Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen, und das macht mich sehr glücklich und ermutigt mich sehr. Jetzt lassen sich das viele Menschen nicht mehr gefallen und steigen auf die Barrikaden. Wenn ich gut sein soll zum Kind, wenn ich ein ganzheitliches, humanistisches Bild vom Kind verinnerlichen soll, wenn ich demokratische Lernprozesse mit-initiieren soll, wenn das Kind „Ko-Konstrukteur“ ist, wenn es also gleichwertig ist, dann will ich selbst auch mit mir gleichwertig, demokratisch und achtsam umgehen.

Pädagogische Arbeit und pädagogische Institutionen sind lernende Organisationen: anders können sie nicht überleben, anders können sie nicht widerstandsfähig sein. Wir können die kommenden Herausforderungen, mit denen wir nicht erst seit der Corona Krise zu tun haben, nur bewältigen, wenn die Wertschätzung für systemerhaltende Berufe auch monetär gesichert wird.

Sozialer und äußerer Halt für alle, die in diesem Feld tätig sind

Wenn wir (angehende) Elementarpädagog*innen unterstützen wollen, und wenn wir die Kindheit als Wert an sich, unabhängig von ökonomischen Kriterien, achten und würdigen wollen, dann müssen wir gemeinsam, inklusive aller politisch Verantwortlichen, dafür sorgen, dass es unterstützende Rahmenbedingungen gibt. Auch in der Ausbildung brauchen die Schüler*innen eine Art „sozialen und äußeren Halt“ beziehungsweise eine Art „soziale Gebärmutter“, damit sie diese gesellschaftlichen, biographischen und professionellen Verunsicherungen erkennen, ansprechen und aushalten lernen.

Die Hauptaufgabe von pädagogischen Fachkräften ist, eine professionelle Haltung zu leben und gleichwertige Beziehungen zu Kindern einzugehen. Beziehung ermöglicht Bildung. Ohne Bindung keine Bildung. Wir müssen aber im gleichen Atemzug bereit sein dazu, die öffentliche Verantwortung mit zu übernehmen. Es ist ein Eingebundensein in einem Eingebundensein: so können frühkindliche Lern- und Bildungsprozesse in dieser humanistisch-ganzheitlichen und demokratischen Dimension, wie sie ja auch die Lehr- und Bildungspläne vorsehen, entstehen.

Ein erster, wichtiger Schritt: Selbstmitgefühl entwickeln

Gut zu den Kindern zu sein, bedeutet auch, gut zu sich zu sein, sich gut in einem Team zu fühlen, dazuzugehören, Selbstmitgefühl haben. Spannungen, menschliche Unvollkommenheiten und widrige Umstände kompensieren können - damit Gelassenheit im pädagogischen Alltag, im Zusammensein mit Kindern überhaupt erst möglich wird.

Diese Art der Unterstützung wird in den Kindergartengesetzen und vor allem in dieser neuen Gesetzesänderung überhaupt nicht beachtet. Diese Art der Unterstützung für all jene, die in diesem Bereich tätig sind, wird definitiv von politischer Seite nicht als notwendig betrachtet. Sie ist vielen nicht einmal bewusst.

Pädagogik ist vor allem eins: lernen, Unsicherheiten auszuhalten. Lernen, Selbstständigkeit von Kindern auszuhalten, lernen, für Kinder da zu sein, sie einfühlsam begleiten und wahrnehmend beobachten, ihre Prozesse und Fragen zu dokumentieren, innezuhalten, anwesend sein, Zeuge sein, ohne die eigene Bedürftigkeit im Sinne einer Gegenübertragung kompensieren zu wollen.

Kinderbildung- und Kinderbetreuung ist eine hochanstrengende Tätigkeit. Und es ist ein Hohn, dass wir im 21. Jahrhundert darüber streiten müssen, welche Rahmenbedingungen es dafür braucht. Es gibt genug wissenschaftliche Fachliteratur. All diese Erkenntnisse sind nichts Neues.

Diese „Krise“ in der Elementarpädagogik betrifft ja letzten Endes nicht nur Kindergärten, sondern genauso auch die Institution „Tagesmutter/Tagesvater“. Es ist das Ergebnis schwerer Entmutigung aller Beteiligten.

Mut brauchen wir jetzt, alle, die in diesem Bereich tätig sind.

Von Herzen sage ich Euch Elementarpädagog*innen Danke für diesen, euren Beitrag für die Gemeinschaft: Danke an alle, die mit Kindern arbeiten.

Alles Liebe,

Sabine Felgitsch

Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, Individualpsychologische Beraterin und Supervisorin, Ausbildnerin und päd. Leitung im Ausbildungskurs Kinderbetreuer*in/Tagesmutter/Tagesvater, Fortbildung und Begleitung für Pädagog*innen und pädagogisches Fachpersonal, www.felgitsch.at

Die Macht der Sprache

Die Macht der Ermutigung
Die Macht der Ermutigung

Was wir bereits jetzt auf alle Fälle aus der Krise lernen können: die Macht der Sprache

Nun werden auch die Töne zunehmend mahnender. Es erscheinen mehr und mehr Rufzeichen in den Sätzen. Die Töne werden gefühlt lauter. Die Sätze werden knapper. Kommt jetzt noch ein Virus? Der Virus des "wir müssen in alte autokratische Muster zurückfallen, damit der zivile Gehorsam gesichert ist"?
Die Angst vor dem Verlust der Disziplin des Volkes lässt manche unter uns belehrend(er) werden. Sie predigen mehr. Sie schulmeistern. Sie vertreten die Obrigkeiten gut. Oder manche Vertreter*innen von Institutionen fallen jetzt in eine unpersönliche Beamtensprache. Manche meinen, es sei nötig, Angst zu verbreiten. Das begann bereits, als die Maßnahmen von Corona in der ersten Woche verkündet wurden. Es zieht sich nun weiter durch, bis in die kleinsten Zellen unserer Sozialisationsinstanzen und unserer Organisationen.

Es ist die Sprache derer, die von oben herab den Idiotes unten Informationen weitergeben sollen. Und diese Anordnungen sollen gefälligst auch umgesetzt werden. Es ist eine Sprache der Entmutigung: sie hält den Anderen für unmündig. Das Bild vom Menschen ist: der Andere muss belehrt werden. Er braucht jemanden, der ihn führt. Es ist dringend notwendig, dass er erkennt, was wichtig ist, was er zu tun und zu unterlassen hat. Der Andere kann ein Kind sein, eine erwachsene Person, ein alter Mensch. Der Andere ist jemand, mit dem man auf keinen Fall in Beziehung treten darf: das könnte zu verfänglich sein, es könnte dazu führen, dass er sich wohl fühlt und somit auch diese Anordnungen nicht ernst genug nimmt.
Wichtig ist auch, dass durch diese Sprache klar ist, wer hier der Boss ist: von wem nun alles abhängt, und wer hier jetzt auch das Sagen hat. Es ist eine Sprache des Misstrauens. Es ist eine Sprache, die trennt. Manchmal ist es auch eine Sprache der Doppelbotschaften: darf man jetzt, oder darf man nicht? Soll man, oder soll man nicht? Ich appelliere an ihr Gewissen! Sie würden damit andere gefährden... aber: entscheiden doch bitte Sie! Patsch! Ungehorsam? Nein, sowas aber auch!

Als politischer Mensch, als mündige Frau und Mutter, als Bürgerin fühle ich mich damit sehr unwohl. Diese Art der Kommunikation erzeugt nicht nur Unbehangen in mir. Sie generiert auch einen Widerstandsgeist in mir. Nein, keine Angst, ich will niemanden gefährden. Ich wasche mir die Hände, oft, sehr oft, ich trage eine Maske, ich bin wirklich ganz brav. Mir fehlt auch nichts zur Zeit. Ich gehe ohnehin nicht so gern einkaufen, und Supermärkte mag ich nicht besonders. Ich bin jemand, der diesen Zustand momentan eher genießt, obwohl ich viel Geld verloren habe, weil ich viele Aufträge verloren habe. Ich bin auch der Meinung, dass es in Demokratien auch die Möglichkeit geben muss, Menschen zu etwas zu zwingen. Und ich sehe ein, dass wir Gesetze brauchen, unbedingt. Ich liebe Österreich und ich bin leidenschaftliche Europäerin und ein mündiger Mensch. Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass Kinder und Jugendliche auch lernen müssen, sich unterzuordnen. Und doch: diese Sprache von oben herab, die mag ich gar nicht.

Ich erachte es als notwendig, dass wir Mütter und Väter, wir Familien verlangen, dass wir überall dort, wo Kinder von uns "eingegliedert" sind, gleichwertige Partnerinnen und Partner werden und somit auch als ein wichtiger Teil dieser Einrichtungen betrachtet werden. Die Art und Weise, wie wir in diesen Einrichtungen miteinander kommunizieren, drückt auch das dort vorherrschende Menschenbild aus.


Es ist jedoch eine kulturelle Aufgabe und eine kulturelle Leistung, ob und wie Vertrauen in unserer demokratischen Welt als Grundwert gelebt wird. Wir befinden uns jetzt in einer Zeit, in der wir alle dramatisch erfahren haben, dass nichts wirklich als gesichert angesehen werden kann. Für viele Menschen bedeutet das: sie sind zutiefst in ihren Grundfesten erschüttert worden. Unser aller Lebens- und Existenzgrundlage kann sofort, von einem Moment auf den anderen, zerbrechen. Alles ist anders. Alles.

Es ist die Aufgabe eines demokratischen Staates, dass sie die Menschen mit ihren Ängsten und Risiken nicht alleine lässt. In dieser Corona Krise entstanden und entstehen viele Ängste. Unser aller Handlungsfähigkeit ist zum Teil radikal gestoppt oder zumindest radikal verändert worden. Die Lebensbedingungen der Bürgerinnen und Bürger haben sich in den letzten Wochen völlig verändert.
Das verändert das zwischenmenschliche Konfliktpotential, es verändert das Befinden jedes einzelnen Menschen, es verändert unser aller Empfinden und unseren gesamten Alltag. Viele Menschen empfinden Angst und Ohnmacht. Sie fühlen sich ausgeliefert. Viele gehen gut um mit dieser Krise, viele schaffen es nicht so gut, und von vielen wissen wir nichts.

Corona kann jetzt als Chance für einen gesellschaftlichen Neuanfang nur dann wirklich funktionieren, wenn wir als Gesellschaft nicht mit Flucht und Lähmung auf diese Veränderung reagieren. Genau deshalb ist jetzt eine Sprache der Ermutigung so wichtig: kritische Ich-Fähigkeiten könnten gestärkt werden. Das bedeutet, dass alle Kinderbildungs- und Betreuungseinrichtungen Modelle sind dafür, wie Menschen in einer Demokratie miteinander kommunizieren. Die Macht der Sprache ist groß.

Dialog - nicht Monolog. Vertrauen in die Kraft der Zivilbevölkerung, nicht Angstreden und Angstmache.

Wie können wir kollektiven Ängsten, die durch die Corona Krise entstanden sind, jetzt begegnen?
Wie können wir Menschen das Gefühl geben, dass sie trotz dieser Verordnungen und sozialen Einschränkungen, mutig und ermutigt bleiben?

Mir leuchtet ein, dass es nun darum geht, Ruhe und Ordnung zu gewährleisten.
Mir leuchtet ein, dass Auseinandersetzungen nicht gewünscht sind.
Es ist aber auch sehr wichtig, zu wissen, dass Kommunikation mehr ist als nur geschriebene Worte oder gesprochene Sätze. Will der eine besonders "streng" erscheinen und fällt er somit in ein vertrautes (weil anerzogenes) belehrendes Muster, so kann dies beim Anderen, beim Gegenüber auch einen Rückfall in altes, anerzogene Muster bedeuten: zum Beispiel in frühkindliche Verhaltensweisen, die unter Umständen bereits vorhandene Ohnmachtsgefühle verstärken.
Ach ja: es ist der Gesprächspartner. Es ist die Gesprächspartnerin. Nicht: der Andere. Es handelt sich ja immer um individuelle Personen. Mitmenschen. Und es ist nicht die Umwelt, sondern eine Mitwelt.

Es gibt Kommunikationskiller, das sollten jetzt alle, die mit Menschen zu tun haben, wissen.
Das "Chefgebaren" oder der Rückfall in eine unpersönliche Beamtensprache zählen dazu. Kommunikative erzieherische Wendungen, um uns unter Druck zu setzen, oder um Gehorsam zu erzwingen, zählen auch dazu. Meist kennen wir sie von der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater. Ich vermute einmal, "es ist keine Schande, wenn..." entstammt einem solchen anerzogenen Gesprächsverhalten. "Man tut", "man soll", "das geht gar nicht", alles, was eine übergeordnete Instanz vorschiebt und echten Dialog verhindert, zählt auch dazu.

Die Lage ist ernst.
Ich will keine Kuschelpädagogik Sprache. Für eine Sprache des Herzens sollte aber immer Zeit sein.


Fasse dich kurz und rede nicht lange um den heißen Brei herum.
Sprich von "Ich" und nicht von "man"
Sprich in Wir Form, wenn es um Dinge geht, die uns betreffen.
Das ist jetzt, in Zeiten wie diesen, und eigentlich immer: alles geht uns an. Dich und mich.
Befehlsformen, Rufzeichen, Ermahnungen, Drohungen, Schulmeistern ist entmutigend:
es beeinträchtigt unser Selbstwertgefühl und macht uns klein. Und genau das macht etwas mit unserem subjektiven Lebensgefühl. Es schädigt das Gefühl der Selbstbestimmung. Es nagt an unserem Wert und an unserer Würde.
Wer sind dann in der kleinsten Zelle des Staates, der Familie, die Leidtragenden? Die schwächsten Menschen: Kinder. Oder Frauen. Oder Haustiere. Oder einfach Menschen, die schwächer scheinen. Manchmal ist es derjenige selbst, der es niemandem mehr weitergeben kann. Der keinen findet, an dem er sich reiben kann.

Wenn wir innerhalb von Firmen, Einrichtungen, Organisationen oder Gruppen Druck machen, und Angst erzeugen oder entmutigen, dann sind wir mitverantwortlich dafür, wenn dieser Druck an diejenigen in der Hierarchie weitergegeben wird, die ganz unten stehen.


Die Sprache der Ermutigung hat das Ziel, ermutigend zu wirken. Eine Sprache, die demokratisch ist, ist gleichwertig, stellt Kontakt her, lobt nicht, bewertet nicht, beurteilt und verurteilt nicht. Sie droht nicht. Sie Sie spielt nicht mit der Moral, sie stellt sich nicht über die Anderen, sie belehrt nicht. Sie schafft Verbindung. Sie schafft Verbundenheit. Und ich will, dass wir jetzt damit beginnen, genau darauf zu achten, wie sich unsere Demokratie entwickeln soll. Jetzt. Es beginnt immer jetzt, und immer bei jeder einzelnen Person von uns. Unser Herr Bundespräsident ist ein gutes Beispiel für eine solche Sprache der Ermutigung.

Angst und Ohnmacht haben immer auch totalitäre Systeme möglich gemacht. Ich denke (noch) nicht, dass wir uns da bedroht fühlen müssen. Aber ich denke, wir sollten genau jetzt damit aufhören, autoritäre Charakterstrukturen zu fördern. Wir sollten sie aufspüren, benennen, sie ansprechen: ich will nicht, dass du so mit mir sprichst! Das entmutigt mich, es macht mich klein, es tut mir und meinem Selbstwert nicht gut.
Es werden noch mehr Verunsicherungen auf uns zukommen, das Ende ist noch lange nicht in Sicht. Bitte, beginn du, und nutze diese Krise um jetzt mit einem gesellschaftlichen Neuanfang zu beginnen. Flüchten wir nicht back to the roots, gehen wir mutig nach vorn. Die Freiheit, sie gehört zu unserer menschlichen Grundaustattung. Wir können auch jetzt selbstbestimmt und eigensinnig denken, ohne das Große Ganze zu gefährden. Wir können auch jetzt, mit diesen Einschränkungen, ermutigend miteinander reden.
Das ist das Mindeste, das wir füreinander tun können. Es ist das Beste, das wir füreinander tun. Wenn wir es tun.

nach oben

Corona Fragmente

Seid einfach nur mutig,
und probiert es jetzt aus,
wie es ist, so eng zu sein mit allem,
auch mit euch,
und gleichzeitig getrennt zu sein,
von dem, was euch sonst ablenkt...

Es gibt keine Idealversion von uns.
Es gibt keine Idealversion von einem gelungenen Alltag.
Diese Vorstellung setzt uns nur unnötig unter Druck.

Diese Vorstellung von einer "Norm"
einem Bild, das einem "Standard" oder einem "Durchschnitt" entsprechen soll...

Genau diese Vorstellung hat schon so viel Leid gebracht:
in Familien,
in Beziehungen,
in Partnerschaften.

Jeder Mensch ist einmalig.
Es kann nichts geben, was für alle gilt.
Sicher, es kann Erfahrungen geben,
die anderen geholfen haben,
oder Modelle, an denen wir uns orientieren können.

Genau dieser Mut zur Einmaligkeit,
zur Unvollkommenheit,
der bringt uns jetzt näher und stärkt unser Wir-Gefühl.
DAS macht uns vollkommen.

Wichtig ist,
dass wir jetzt das eine oder andere ausprobieren,
und dass wir jetzt viel über uns und über diejenigen, mit denen wir zusammenleben,
lernen.

Leben lernen wir dadurch,
indem wir leben.

nach oben

Ich liebe Hendln!

Mein Mann Hannes W. Felgitsch liebt mich,
und ich liebe Hendln...
und natürlich auch meinen Mann von Herzen!

Nur... Hendln sind die genialsten Lebewesen, die mir seit meiner Kindheit regelmäßig unterkommen!
Ich hätte so gern welche...
Also fotografiert mein Mann sie beim Spazierengehen im Ort - für mich. Und: ja, wir halten Abstand, es sind fast keine Menschen unterwegs, und wir halten uns weiterhin an die Ausgangsbeschränkungen.
Bleibt gesund.
Verbindet Euch mit der Natur, egal wo Ihr lebt.
Natur, Luft, Atem, das ist überall.

Und liebt Euch und Eure Mitmenschen.
Ich vermisse die Billa Verkäuferinnen genauso wie meine lieben Freundinnen.
Ich bussel und umarme die Menschen einfach gern.

Also: So long, habt einen langen Atem,
gemeinsam schaffen wir das!

nach oben

Idealversion Mensch

Wenn ich die Zeitungen aufschlage,
könnte ich den Eindruck gewinnen,
die meisten Österreicherinnen und Österreicher seien bis jetzt unfähig gewesen,
ihre Leben zu leben...
ob es jetzt nicht klüger wäre, die Menschen zu ermutigen, es auf ihre Weise "selbst" zu tun?

Was da alles für Ratschläge zu finden sind!
To Do Listen schreiben,
den Alltag strukturieren,
Pläne erstellen,
Wie man richtig streitet,
wie man richtig im Homeoffice arbeitet,
wie man als Familie Zeit miteinander verbringen soll...

Jetzt wird es mir ein bisschen zu viel.
Hilfreich finde ich die persönlichen Schilderungen der unterschiedlichsten Menschen, von Autorinnen und Autoren. Menschen, denen es gelingt,
über Worte miteinander Intimität zu schaffen,
weil Worte ja auch berühren können.

Mein Alltag daheim läuft zur Zeit letzten Endes ab wie immer:
ich versuche, mich zu konzentrieren auf meine Arbeit
(aufs Schreiben, aufs Lesen, auf meine Steuererklärung 2019)
muss manchmal schmunzelnd und manchmal grantig bemerken,
dass ich als Mutter nach wie vor für meine Söhne der Nabel der Welt bin,
und mein Mann sich viel besser abschotten kann als ich
(aber das ist unser grundsätzliches Konfliktthema daheim),
stelle fest,
dass ich nach wie vor chaotisch bin,
unstrukturiert,
immer wieder von einem Tun ins nächste falle
(mein Mann nennt das: "Übersprungshandlungen") und
die Dinge relativ unvollkommen,
scheinbar nur fragmentarisch
und manchmal total intuitiv mache,
und am Ende des Tages trotzdem immer ziemlich müde bin.
Mit dieser Strategie habe ich die letzten 46 Jahre gut überlebt.
Wirklich strukturiert bin ich nur in der Arbeit mit Menschen.
Selbst beim Kochen schaffe ich es nicht, mich ganz normal und gehorsam an die Rezepte in meinen hundert Kochbüchern zu halten.
Heli, mein verstorbener Freund, nannte das "experimentelle" Küche. Wahrscheinlich ist das mein unbewusster Versuch, nie wirklich gehorsam zu sein.

Aber:
ich mache alles mit Liebe,
(auch wenn ich manchmal recht grantig sein kann, vor allem, wenn mir etwas nicht gelingt oder ich etwas nicht anfinden kann...)
ich bin mit den Dingen und den Menschen rundherum in Verbundenheit,
ich versuche, mich dem Alltag in gewisser Weise hinzugeben und anzunehmen, was nicht zu ändern ist.

Ich übe mich in Geduld.
Ich denke oft an die Menschen, denen es grad nicht so gut geht wie mir.
Das reißt mich auch ein bisserl aus meinem Handeln heraus.
Ich schwanke zwischen meiner Selbstbestimmung und dem (anerzogenen?) Ideal, als Mutter für meine Kinder und für meinen Mann dasein zu wollen...

Also, unterm Strich, alles ganz normal!
Gott sei Dank!

Nachsatz:
Wir haben im Familienrat einen guten Plan erstellt. Mit Küchendienst. Das funktioniert prima.
Allerdings scheitert es manchmal einfach an meiner "Konditionierung"... ;-)
Die, denen es ähnlich geht, verstehen, was ich meine...

Damit es auch alle verstehen, zitiere ich ein Gedicht von Peter Turrini (das mein Sohn in seiner VWA zitiert hat... die er leider noch nicht präsentieren konnte)

Ich freue mich auf den Tag
und sei es ein halber
an dem die Väter den Platz
neben ihren Kindern einnehmen.

Ich freue mich auf den Tag
an dem die Mütter
ohne ihr Ansehen zu verlieren
den Vätern diesen Platz
geben

Peter Turrini, Ein paar Schritte zurück, Wien 1986 S.51


nach oben

Lehrer App?

Ich bin bei weitem kein Fan unseres Schulsystems (trotzdem haben wir mit Sicherheit eins der besten, verglichen mit dem Rest der Welt!). Es gibt viele Mängel und strukturelle Altlasten. Allerdings ist die Lehrer App mit Sicherheit nicht hilfreich dabei, mit allen Beteiligten eine differenzierte und ermutigende Auseinandersetzung zu führen. Der Lehrberuf ist im letzten Jahrzehnt komplexer und anspruchsvoller geworden, vor allem wegen der bildungspolitischen Einmischungen einer neoliberalen und postindustriellen Gesellschaft. Was sollen Lehrerinnen und Lehrer noch alles übernehmen? Medienpädagogik, Umwelterziehung, Klimapolitik, Interkulturelles Lernen, Elternarbeit, zusätzliche Administration… Ja, die Schule als Massenerziehungseinrichtung ist als solches nicht mehr zeitgemäß, schon lange nicht mehr, und ja: Lehrerinnen und Lehrer sind vor allem auch an der sozial-emotionalen Erziehung von unseren Kindern mit-beteiligt. Aber die Gratwanderung zwischen Bewertung, Beurteilung und ermutigender Förderung kann doch niemals wirklich gut gelöst werden!

Ja, ich nehme auch wahr, dass gerade die Institution „Schule“ selbst nicht lernfreudig und veränderungswillig ist. Lehrerinnen und Lehrer sind so heftiger Kritik vor allem durch die Massenmedien ausgesetzt. Die meisten Pädagoginnen sind sehr entmutigt – wie viele Menschen nehmen sich jetzt schon heraus, die Qualität und die Art des Unterrichts zu beurteilen! Und das ohne fachliche Kompetenz und Expertise. Liebe Eltern, wir sitzen alle im gleichen Boot. Der Leistungszwang und Leistungsdruck macht uns allen zu schaffen – Tests, Evaluationen, Analysen, Forderungen aus der Wirtschaft und Politik, der Druck, sich für alles rechtfertigen und alles transparent machen zu müssen, dieser Druck entmutigt die Lehrerinnen und Lehrer unserer Kinder.

Diese Schnelllebigkeit und dieser dauernde Anspruch nach Flexibilität, Verfügbarkeit, Multitasking, Konkurrenz und (Multiple Choice und plumper Nürnberger Trichter) Leistung macht uns ALLEN zu schaffen: Kindern, Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und Schulleiterinnen und Schulleitern. Er infiziert uns und macht uns unsere Mitmenschlichkeit zunichte.

Weder Lehrerinnen, Lehrer noch Kinder oder Eltern sollten via App beurteilt werden. Feedback und Kritik können in einer Demokratie nur über Dialog, Reflexion, Auseinandersetzung und Diskussion mitmenschlich und kooperativ gelebt werden.

nach oben

Tyrannenkinder?

Über Tyrannenkinder und ihre Erziehung

Die Erziehungsprobleme, mit denen viele Menschen konfrontiert zu sein scheinen, haben meines Erachtens nichts mit „Schuld“ zu tun.
Folgende Frage ist viel interessanter: Handelt es sich um eine Folge schwerwiegender Entmutigung aller im Erziehungs- und Bildungswesen Beteiligter, von früher Kindheit an? Erziehungs-, Lern- und Autoritätsprobleme bedeuten immer auch Beziehungsprobleme.

Sozialisation beinhaltet ganzheitliche Prozesse, die von den Stimmungen des pädagogischen und familiären Alltags geprägt werden, und sie beginnt bereits im Mutterleib. Wie wird also mit Mutterschaft und Mütterlichkeit und sogenannten weiblichen Eigenschaften in unserer Kultur umgegangen? Hinzu kommt, dass feste Strukturen, Autorität, und Sicherheiten von Staat, Kirche und anderen Moralinstanzen nicht mehr vorgegeben sind. Jetzt geht es darum, mit Freiheit und Wohlstand und dem Mangel im Überfluss umgehen zu lernen. Für viele Eltern ist die Anforderung, mobil zu sein in jeglicher Hinsicht, beruflich, körperlich, geistig, sozial, eine große Herausforderung.

Es braucht eine starke Identität, Nein zu sagen zur Beliebigkeit. Die dauernde Forderung nach Flexibilität und Individualität erfordert enorme psychische Widerstandsfähigkeit. Viele Eltern haben wenig, an das sie sich anlehnen und auf das sie sich beziehen können. Vieles, das sie geben, müssen sie aus sich selbst herausschöpfen. Konsum und flüchtige Kontakte mit dem illusorischen Erleben von Zugehörigkeit und Anerkennung durch soziale Netzwerke und mediale Manipulation scheinen zumindest kurzfristig befriedigend, aber wir werden emotional und geistig nicht satt davon. Zudem braucht Elternschaft auch den Mut, Trauerarbeit zu leisten: Gefühle, die nicht gelebt wurden, Sehnsüchte, die nicht erfüllt wurden bringen Schmerz. Elternschaft macht verletzlich. Pauschale Bewertungen entmutigen und entzweien PädagogInnen und Eltern noch mehr. „Das“ Kind oder „den“ Jugendlichen gibt es nicht.

Es geht immer um individuelle Menschen mit dem tiefen Ziel, dazuzugehören. Kategorisierungen mögen hilfreich sein beim Finden einfacher Lösungen, sie schüren aber in dieser Form Ängste, Entmutigung und Schuldgefühle noch mehr. Es ist genau jetzt eine Chance, unser Bildungssystem und sogenannte „Werte“ von Grund auf zu hinterfragen. Wir müssen uns alle gegenseitig darin unterstützen, uns als wichtiger Teil einer Gesellschaft zu fühlen. Für demokratische Gesellschaften ist mitmenschliche Achtung dabei wesentlich, und die gilt für falle gleichermaßen.

nach oben

Mobbing: Chance, Probleme, Illusionen

Gedanken zum Thema Mobbing Teil 2: Chancen, Probleme, Illusionen...

Wie reagieren wir angemessen, wenn es um Mobbing, Ausgrenzung, Gewalt geht?

Hintergründe… zwischen den Zeilen lesen lernen, dahinter blicken…

Gibt es überhaupt eine „angemessene“ Reaktion, wenn Gewalt und Mobbing „passieren“?
Ja, gibt es, und zwar in Form von „Deeskalation“ Strategien.

Aber um uns diesen Möglichkeiten zuzuwenden, müssen wir ganz zurück an den Anfang, um diese zwischenmenschlichen Phänomene zu verstehen.
Wir müssen uns dem Unbewussten zuwenden, dem „inneren Bauplan“ des Menschen, der Schöpferkraft.
Zu philosophisch?

Zu „ganzheitlich“ gedacht?

Zu „ganzheitlich“ gedacht? Wer diese Art von Denken ablehnt, liest am besten nicht weiter. Wer ehrlich interessiert ist daran, unsere Welt ein Stück friedlicher,
ermutigter und demokratischer mit zu gestalten, der ist eingeladen, sich auf meine Gedanken und Worte einzulassen.

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, geht davon aus, dass wir alle, jeder einzelne Mensch, so etwas
wie einen „Aggressionstrieb“ haben, der uns antreibt,
uns mit unserem ureigensten Wesen in die Gemeinschaft einzubringen.

Ein Beispiel: wir wollen nicht genau so sein wie unsere Schwester, unser Bruder, wir wollen eine eigene, eigenständige Person sein.

Oder, mögen Sie das, wenn Ihr Mann zu Ihnen sagt: "Du bist wie deine beste Freundin?" (Schlimm ist es, wenn wir unseren Partnern sagen, dass sie wie ihre Eltern seien...)

Wenn wir Kinder ärgern wollen oder Sie kränken wollen,
vergleichen wir sie mit anderen oder sagen Ihnen,
dass sie diese oder jene Eigenschaft
von ihrem Bruder oder von ihrer Schwester haben,
oder vielleicht sogar von ihrem Papa oder ihrer Mama.

Meistens reagieren Kinder darauf empfindlich, denn sie wollen einzigartig sein und trotzdem normal-
also mit dieser wunderbaren, speziellen Einzigartigkeit dazugehören.

Wir müssen unsere eigene Persönlichkeit finden.

In der Individualpsychologie nennen wir das auch
Streben nach Autonomie, Lebenstrieb,
Geltungsstreben, Machtstreben. (So kann man auch den Grad des Selbstwerts und des Minderwertigkeitsgefühls von Mitmenschen,
von erfolgreichen Menschen erkennen...
je mehr sie auf ihre Meinung beharren,
desto schwieriger ist es für sie,
sich als "Teil", als zugehörig zu erleben...
und ihr Selbstwert ist meist sehr angeknackst...)

Das verbindet uns alle miteinander.

Jedes auch nur so kleinste Wesen will eigene Interessen verfolgen, und zwar ganz gezielt (unbewusst, versteht sich!)

Wer Kinder hat oder mit Kindern arbeitet und lebt, weiß: sogar ganz kleine Kinder, Säuglinge, wissen bereits, wie sie sich verhalten müssen,
um die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse,
allen voran, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und nach Zuwendung, nach Wärme, Geborgenheit,
Essen, Schlaf und so weiter gestillt zu bekommen
und durchzusetzen.
Sie „wissen“, so oder so muss ich mich verhalten, muss ich weinen, muss ich schreien,
damit Mama oder Papa kommen und mich hochheben, mich auf den Arm nehmen, mich streicheln.

Szenario: stellen Sie sich vor, wir würden unsere Kinder oder Mitarbeiter*innen so zur Ruhe bringen,
so eingliedern, so zufrieden stellen, dass kein Streit, kein Konflikt, keine einzige Meinungsverschiedenheit uns zwischenzeitlich voneinander trennt
oder unseren Alltag belebt oder sogar belastet. Was wäre dann?
Oder wenn alle Kinder plötzlich nicht mehr frech wären,
und ganz hervorragend funktionieren,
alles erledigen, schreiben, lernen, üben, trainieren,
ohne jeglichen Widerstand,
alles hinnehmen...
Würden wir das wirklich wollen?

Hans Josef Tymister, der Begründer/Weiterentwickler der "individualpsychologisch-pädagogischen Beratung"
spricht davon, dass wir uns dann in einem „Ameisenstaat“ befänden – eine schreckliche Vorstellung, nicht wahr?

Denn es gäbe, würden wir alle zufrieden und harmonisch miteinander leben, keine Weiterentwicklung – wir würden „funktionieren“, nichts würde sich „reiben“ oder „klemmen“.
Der Aggressionstrieb (Das Wort aggredere kommt aus dem Lateinischen und bedeutet auch soviel wie „auf etwas zugehen“) in uns würde verkümmern.

Diese Kraft in uns ist eine wichtige, essentielle, grundlegende menschliche Eigenschaft.

Kinder müssen sehr früh lernen, sich um ihren Platz in der Familie, in Gruppen, in Systemen, in der Welt überhaupt, selbst zu „erarbeiten“ –
jeder hat einen Platz, ja, natürlich, sobald wir geboren werden, haben wir einen Platz und verdienen Würde und Achtung,
wir haben ein Recht auf Teilhabe.

Doch es ist eben kein Platz, der uns hierarchisch gegeben wird in seinem System –
ja, selbst kleine Kinder, Kleinstkinder, müssen lernen, ihren Platz einzunehmen.

Das Ziel jedes Menschen, jedes menschlichen Wesens ist es, dazuzugehören und sich durchzusetzen,
um als eigenständige Person wahrgenommen zu werden.
Anstatt Kinder also als böse, als unanständig, als schlimm zu beschimpfen, wenn sie schon früh beginnen,
ihren Willen durchzusetzen, sollten wir genauer schauen und beobachten, wie wir beginnen können,
dem Kind beizubringen,
diese „Ich Stärke“ und dieses "Machtstreben" auch umlenken oder umlernen helfen auf sozial verträgliche Verhaltensweisen –
aber eben nicht ausschließlich! Denn wer nur angepasst und sozial verträglich reagiert,
der verliert seinen Eigensinn und seinen eigenen Willen und letzten Endes auch seine Kreativität.

Probleme und Meinungsverschiedenheiten sind einmal grundsätzlich normal,
auch Gruppenbildungen (und in weiterer Folge "leichte" Formen von "Ausgrenzung" - sozial verträglich).
Allerdings:
was geht da vor in unserer Kultur?
Wieso beobachten und erleben einen"Anstieg" von Mobbingfällen und Gewalt und Übergriffen,
auch, oder vor allem, in pädagogischen Einrichtungen und Schulen?

nach oben

Mobbing: Chance, Probleme, Illusionen

Zur Zeit kommen die Themen
häusliche Gewalt,
Geschwisterkämpfe,
Rivalität,
Konkurrenz und Machtkämpfe,
und Mobbing wieder sehr stark vor
in meinem Leben...
in vielen Bereichen,
und jetzt schreib ich einfach wieder drauf los,
so,
wie ich es gewohnt bin.

Teil 1:
Gedanken zum Thema Mobbing

Ich bin selbst ein gemobbtes Kind.
In den 70er und 80er Jahren hat das allerdings niemand
als Mobbing bezeichnet.

Man hat eher still vor sich hin gelitten
oder das gar nicht so thematisiert.

Ich war aber auch ein "gutes" Kind,
und hab bestimmt viel Angriffsfläche geboten,
weil ich unbedingt gehorsam und angepasst sein wollte
(das hat sich in der Pubertät zum Glück verändert)

Ich kann mich erinnern,
dass es in meiner Klasse Schulkolleginnen gab,
die sich zusammengetan haben
und vor mir dann weggerannt sind;
ich war einmal dabei,
und dann wieder nicht.

Das war sehr unangenehm für mich.
Als meine Oma väterlicherseits,
die gute Rosa, verstarb,
bei der ich viel war,
und die ich sehr lieb hatte,
war das dann doppelt schlimm.

Da gab es in meiner Klasse
einen Jungen
der hat nicht ausgehalten
dass ich leise vor mich hingeweint hab,
und vielleicht hab ich auch gejammert,
weil ich wollte,
dass mich wer sieht in meinem Schmerz?

Dieser Bub
war dann grauslich zu mir,
und hat begonnen,
mich auszugrenzen,
und weil ich im Turnen so patschert war,
hat er natürlich - aus Kindersicht-
viel gefunden
was lächerlich wirkt an mir...

Gott sei Dank
hat meine Klassenlehrerin nichts kommentiert,
sondern mich still bestärkt
und still lieb gehabt, so,
wie ich war.
Und meine Aufsätze gern gelesen
und mit hübschen Sternchen und liebevollen Bemerkungen gewürdigt.

Ich weiß, dass sie ihn allerdings sehr wohl immer wieder links liegen ließ
für sein Verhalten
und für sozial verträgliches Verhalten bestätigt hat,
was bei ihm aber selten vorkam.

Das hat damals für mich gut gepasst.
Es ist EINE Art,
mit sowas umzugehen.

Wenn ich heute mit Kindern rede,
die gemobbt werden,
geht es zuallererst darum,
ihr Vertrauen zu gewinnen.
So,
wie sie jetzt bei mir sind,
werden sie gesehen und geachtet,
und ihre Wut,
ihre Scham,
ihre Traurigkeit,
ihr Schmerz,
sind einfach einmal da.
Wir müssen noch nichts wegtrösten,
oder schnelle Lösungen finden.

Dann gehts darum,
zu ermutigen:
wie könnten wir das Kind entlasten,
das da gerade so belastet ist?

Also machen wir uns meistens auf die Spur
nach den "Verborgenen" Hinweisen:
welche Gefühle löst das Mobbing aus,
welches Ziel könnten die "Mobber" haben?
Welches Ziel - ja, paradox! - könnte der Gemobbte mit seinem Verhalten, das unter Umständen zum Mobbing führt, verfolgen?

Heute,
rückblickend,
gibt es etwas,
das ich als gemobbtes Kind
auch gemobbte Kinder frage,
wenn ich mit ihnen über die Situation rede:
"Gibt es etwas,
das du vielleicht beiträgst,
zum Mobbing? Gibt es einen Beitrag,
den du leistest, der den anderen unter Umständen nicht gefällt?"

Das hilft fürs erste manchmal,
zu erkennen,
dass wir unsere Ohnmacht nicht einfach so hinnehmen müssen.
Es muss aber auch angesprochen werden,
dass es manchmal so ist,
dass Menschen - um ihren eigenen Selbstwert zu "halten"-
andere Menschen quälen
oder ärgern,
und dass vor allem solche,
die sich minderwertig fühlen
und selbst oft beschämt wurden,
zu Mobbern werden.

Die Feinfühligen werden dann meist
zu denen,
die gemobbt werden.
Oder die,
die nicht so gut ins System passen,
weil irgendetwas anders ist.

Die Gescheiten,
die Weisen,
die Zarten,
die "Anderen"
werden auch eher gemobbt als die,
die superfittollgroßartighervorragend sind...

Aber ich kenne auch Kinder,
die sind supertollfitgroßartiggenialliebenswert
und passen gut ins System und werden gemobbt...

Ich habe erst viele, viele Jahre später erkannt,
dass mein persönliches Gefühl
der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit
viel dazu beigetragen hat zum Mobbing.

Ja,
das klingt jetzt blöd,
aber heute gehört das zu meiner "Mobbing-Biographie"
"ich gehöre dazu, und manchmal gehöre ich nicht dazu"
und mein Dazugehören
hat nichts damit zu tun,
ob ich gehorsam bin
und ob ich alles brav erledige
was die anderen von mir wollen oder erwarten...

Aber das ist vielleicht eine andere Geschichte...
Mobbing ist einen komplexe Sache.
Dazu gehört immer auch das gesamte Umfeld,
die Kommunikation, die Atmosphäre
in dem "es" geschieht.

Mobbing geht alle was an!
Für pädagogische Fachkräfte
ist wichtig,
unbedingt raus aus der Täter-Opfer Schiene!

Das macht das Opfer noch kleiner
und den Täter stärker
oder manchmal sogar umgekehrt.

Bitte,
wenn möglich,
gewohnte Denkbahnen verlassen.
Gelassenheit üben,
um die Ecke denken!

Und dazwischen schauen lernen.
Beziehungen als Phänomen,
als Geflecht anerkennen lernen
(ja, liebe mechanistischen Denksystemverfechter,
das hilft in diesem Falle besser...)

Morgen mehr dazu.

Ich schreibe das
Für die Wenigen und für die Seltenen.
Und all die anderen die es lesen wollen.

nach oben

Jugend neu denken!

Ziele von Erziehung in einer Demokratie

„Normative Repression“... ich tu es, weil "man" es tut...

Machtkämpfe mit den Eltern sind irgendwann ab der Pubertät - so nennen Entwicklungspsychologen die Zeit des Erwachsenwerdens – unvermeidlich.
In dieser Zeit geht es nicht um Prinzipien, sondern darum, neue, nicht mehr kindliche Formen der Auseinandersetzung mit Autoritätspersonen zu finden und auszuprobieren.
Selbst tun, nicht mehr sich etwas sagen lassen, zu allem eine eigene Meinung haben, diese zu sagen, sind handlungsleitende Prinzipien
Schutz und Zuwendung werden in dieser Zeit ein großes Thema!

In der Altersstufe der 13-Jährigen, setzen sich die meisten Kinder und Jugendlichen damit auseinander, welche Rolle Fehler im Handeln nahestehender Menschen und in ihrem eigenen Leben moralisch spielen. Die eher kindliche Moral des entweder-gut-oder-böse muss überwunden werden zugunsten der Einsicht, dass auch dann Menschen liebenswert sind, wenn sie ab und zu falsch handeln, und dass der Vorsatz, nie zu versagen, nicht mehr zu sündigen, Menschen in ihrem alltäglichen Leben überfordert.

Das gilt auch für sie selbst. Letzteres wissen auch sie selbst, und trotzdem halten Kinder zu lange an ihren naiv-rigorosen Normen fest und entmutigen sich dabei laufend selbst. In diesem Selbstentmutigungsprozess werden sie dann meist noch gefördert, durch die vielen Erziehungspredigten, die sie zu Hause oder/und in der Schule hören müssen.
Es wird im Umgang mit Kindern – bis auf wenige Ausnahmen – aufgrund eines falschen Verständnisses von der scheinbar heilen Welt der Kinder und über ihre Erziehung versäumt, sie von frühester Kindheit an auch am Gespräch über das Versagen aller Beteiligten, also auch der Eltern und anderer älterer Menschen, offen und ehrlich zu beteiligen. Der naive Glauben an die Unfehlbarkeit Erwachsener erst gar nicht groß werden könnte und wenn die Kinder trotz ihres Wissens um die Fehler Vertrauen in ihre geliebten Mitmenschen aufbauen könnten.
Ansehen kommt von „ansehen“ –
Vereinbarungen, Absprachen, gemeinsames Umlernen sind im Konfliktfall immer besser als Strafen; doch kann es sein, dass sie manchmal notwendig sind.
Die Würde des Menschen muss unantastbar bleiben – auch UNSERE Würde.
(Bloßstellen, auslachen ist verboten)
Jugendliche müssen auch eine Chance erhalten, das Leben ihrer Erwachsenen und die Rolle, die sie darin spielen, zu kennen!

nach oben

Scheiter heiter!

Wie funktioniert Erziehung zu einem mündigen Bürger in einem demokratischen Staat?
Wie lernen Kinder und Jugendliche, Verantwortung für sich, für die Gemeinschaft und ihre Pflichten zu übernehmen?

In einer Demokratie geht es darum, selbstbestimmt und eigenständig Entscheidungen treffen zu können. Es geht darum, Eigensinn zu stärken, Kindern zu helfen, zu ihren eigenen Überzeugungen zu stehen ohne andere zu verletzen oder jemandem zu schaden. Probleme, Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Gruppenbildung, das alles ist normal. Bei Konflikten soll es nicht darum gehen, wer schuld ist, sondern es geht um Lösungen und darum, was wir daraus lernen können. Das Ziel von Erziehung ist auch, zu verschiedenen Menschen liebenswerte Beziehungen zu haben.

Und, was das Wichtigste ist: Menschsein bedeutet Fehler machen, Dinge ausprobieren, Probehandeln.
In einer Zeit, in der alles nach Individualisierung, Potentialentfaltung und Perfektion strebt,
müssen wir mutig dazu stehen, dass wir alle Fehler machen. Fehler machen gehört zum Lernen, durch Fehler machen bleiben wir lebendig.

Welche Rolle spielen Erwachsene für Heranwachsende?

In der Erziehung geht es vorwiegend darum, den Kindern von Anfang an „dabei zu helfen, es selbst zu tun“. Ein wesentlicher Grundsatz in der Erziehung, in der Pädagogik überhaupt, muss sein: sich selbst überflüssig zu machen. Das bedeutet nicht, dass wir unseren Kindern keinen Schutz und keine Zuwendung zukommen lassen. Es bedeutet, dass wir Situationen willkommen heißen, die unseren Kindern selbstständiges und selbstwirksames Handeln, selbstermutigende Erkenntnisse möglich machen. Erziehung bedeutet aber auch, den Mut zum Leben weiterzugeben – und diesen Mut findet ein Kind nur, wenn es geliebt wird.

nach oben

Schule alt-Schule neu?

Schule im Rückwärtsgang: Rückschritt oder Fortschritt?

Wir haben ein großes Problem im österreichischen Bildungssystem: wir wollen grundsätzlich ermutigte, selbstständige, leistungsbereite und kooperierende Menschen.
Solange wir dieses Ziel mit rein kognitiven und mechanistischen Methoden wie in einer Fabrik zu erreichen versuchen, werden wir kläglich scheitern. Die Gefühle der Entfremdung und Überforderung in pädagogischen, sozialen Berufen und in Familien werden weiterhin zunehmen. Die, die nicht viel nachdenken, funktionieren weiterhin am besten.

Mittlerweile ist die Familie nicht mehr nur betroffen von einer „Pädagogisierung“, sondern auch von einer „Verbetriebswirtschaftlichung“, die Bildungseinrichtungen kippen mitsamt der Lehrinhalte in tiefste autokratische, verschulte Strukturen zurück.

Unsere politischen Vertreter hinken Lichtjahre den aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen hinterher.
Ich empfehle Eltern und Lehrern, sich zu verbünden um sich zu ermutigen. In Zeiten wie diesen brauchen wir einander ganz dringend. Seien Sie ungehorsam!
Tyrannische Erziehungsratgeber, entmutigende Notstandsverkünder und neurobiologische Muntermacher senden Sie bitte ungelesen an die zuständigen Entsorgungsbetriebe.

Wie kann Lernermutigung funktionieren? mehr darüber -->

nach oben

Niemand ist schuld

Niemand ist schuld

Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Erwachsene, wir lernen, leben, essen, lieben, streiten und sind in ständiger Wechselwirkung miteinander. Und alle nehmen Unterschiedliches davon mit in ihr Leben.
Wie sonst wäre es möglich, dass Geschwisterkinder sich so unterschiedlich entwickeln?
Wir Menschen bringen einen „inneren Bauplan“ mit, wir entwickeln eine „private Logik“, einen eigenen „Lebensstil“.

Denken, fühlen und Handeln sind beeinflusst vom Innen, vom Außen, von den Rahmenbedingungen, mit denen wir aufwachsen, von den Menschen, mit denen wir lernen, leben und arbeiten. Und dabei suchen sich Kinder „ihre Lieblingserwachsenen“ aus. Sie entscheiden mehr oder weniger unbewusst, wem sie sich zugehörig fühlen, mit wem sie sich innerlich „verbünden“ wollen, und wir Erwachsenen können dazu viel mehr beitragen (oder eben auch nicht) als uns lieb ist, und trotzdem „machen“ wir „es“ nicht.

Das Kind ist ein selbsttätiges Wesen, und will weder befüllt noch bespielt werden – von Natur aus. Doch das bedeutet nicht, dass manche Kinder aufgrund ihrer Veranlagung oder Persönlichkeit sich nicht gern verwöhnen lassen oder ihre Mitmenschen hervorragend gut in den Dienst stellen können. Wichtig ist, dass wir immer die individuelle Situation und das jeweilige Kind sehen und verstehen lernen, vorausgesetzt, wir wollen Kinder überhaupt ermutigen und ihnen mehr „Begleitende“ als „Erziehende“ sein.

Was brauchen wir Eltern?

Auch Eltern haben ein Recht auf Grenzen, Bedürfnisse und ein eigenständiges Leben. Liebendes Vertrauen brauchen wir in unsere Kinder, damit gemeinsames Leben gelingen kann, vor allem, wenn Probleme und Konflikte den Alltag „stören“ und gemeinsame Lösungen gefunden werden müssen. Ermutigung brauchen wir, um uns dem Leben in all seinen Facetten stellen zu können. Und Mut brauchen wir, um uns jeden Tag neu einlassen zu können in die herausfordernde Aufgabe der „Erziehung“.

nach oben

Vertrauen

Vertrauen ins Leben

Für viele Mütter oder Väter bedeutet sogar der Rückzug ihrer Kinder ins eigene Zimmer, wenn sie für sich allein sein wollen, oder sich ins Spiel oder in irgendeine andere Tätigkeit vertiefen und einlassen, bereits der Verlust des Gefühls „Ich werde gebraucht“. Wir können das mit einer Art Eifersucht vergleichen: die Mutter ist eifersüchtig auf die Welt des Kindes, zu der sie im Moment keinen Zugang hat, in der sie jetzt nicht gebraucht wird. Sehr empathische Kinder mögen das als Hinweis interpretieren, dass es ihnen nicht gestattet ist, sich ihre kleine Welt zu „nehmen“, sich dorthin zurückzuziehen. Sie können es sich nicht erlauben, sich hinzugeben, fallenzulassen, ihre Aufmerksamkeit zu polarisieren.

Im Keramik Atelier meiner Freundin begegne ich Paul, einem dreizehn Monate alten Jungen.
Er strahlt vor Entdeckerfreude, eine unglaubliche innere Kraft, ein tiefes Vertrauen ins Leben geht von ihm aus. Mit großen Augen und offenem Mund steht dieser kleine Mensch vor mir, mitten in der großen Werkstatt, und saugt wie ein Schwamm alles auf, was es zu sehen, zu hören, zu riechen und zu erkunden gibt. Ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden; diese Begegnung erfasst mich wie eine Welle und lässt mich Tage danach noch immer nicht los...

Wie können wir Wege finden, auf unsere Kinder einzugehen und ihr Vertrauen zu gewinnen, damit das Zusammenleben leichter gelingt?

Machtkämpfe sind im Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen unvermeidlich. Es geht in dieser Zeit darum, neue, „erwachsenere“ Formen der Beziehung miteinander zu finden.
Je klarer wir in dieser Zeit an unseren Grenzen, an dem, was für uns akzeptabel ist, festhalten, umso weniger werden diese Konflikte eskalieren.
Es ist aber auch wichtig, dass wir im speziellen Einzelfall Misslungenes „übersehen“ und uns einlassen können darauf, dass diese jungen Menschen lernen und Fehler machen müssen. Kinder müssen erfahren, dass auch wir Erwachsene Fehler machen und sollen sich früh damit auseinandersetzen, dass es „die heile Welt“ nicht gibt.

nach oben

Bildungskompass

Anscheinend geht es fast nur mehr darum, voneinander unabhängige Fähigkeiten zu schulen á la „Herr Professor, reden Sie nicht so viel, sagen Sie mir lieber, was ich alles lernen soll um die Prüfung zu bestehen!“ Lernen braucht Vertrauen ins Leben, Mitbestimmung im Alltag von Kindesbeinen an, Zugehörigkeit. Auf der anderen Seite braucht es auch Verstehen, Einüben und Probehandeln (also Fehler machen dürfen!).

Lehren heißt „lernen lassen“. Es wird zuviel vorgegeben, vorstrukturiert, vorbereitet, damit anschließend lückenlos ein- und ausgefüllt werden kann, in welcher Form auch immer. Das ist entmutigend und langweilig und nimmt dem Lernen die notwendige Anstrengung. Das nötige Erfolgsgefühl bleibt aus.

Dauerlob macht übrigens abhängig, und die bunten Schulbücher (immer auf Kinderniveau und spielerisch!) erinnern mehr an Gazetten und an diverse auflagenstarke Tageszeitungen. Nivellierung nach unten? Wollen wir es besser machen als unsere Eltern? Dadurch laufen wir Gefahr, uns zu sehr auf uns selbst zu fokussieren und es unseren Kindern zu bequem zu machen.
Alles machen wir, um… zu. Lernen, um zu. Gesund essen, um zu. Theater spielen und Musik machen, um zu. Wofür gibt es eigentlich keine „Kompetenz“? Das ist zum einen Unterforderung und zum anderen Selbstausbeutung, es entwertet den Menschen als ganzheitliches, fühlendes und denkendes Wesen.

Bildung entsteht durch Auseinandersetzung mit der Umwelt, den Dingen, im Dialog mit den Mitmenschen. Dazu braucht es Erwachsene, die bereit sind, sich aus dem Fenster zu lehnen, die nicht nur funktionieren und ihre Rollen gut spielen, sondern authentisch und herausfordernd sind. Blöd, dass jetzt das Funktionieren auch nicht mehr funktioniert… Und bitte, warten wir nicht auf unsere Politikerinnen und Politiker! Das gemeinsame Handeln setzt einen Anfang, es löst etwas aus, und es geht nur in kleinen Schritten im aufrechten Gang weiter.

nach oben

Ersatzgötter

Auf meiner persönlichen Suche nach „Ersatzgöttern“…

Das Schlimmste ist, wenn du vergisst, dass du ein Königskind bist
In: Martin, Buber: Die Erzählungen der Chassidim
Wie verstehe ich das Christentum für mich, abseits von moralischen, weltlichen und menschlichen Irrungen und Wirrungen? Mein Gott als „persönliches Gegenüber“? Gleich, ob Mann oder Frau, ob politisch korrekt oder nicht, Jesus, der Revolutionär, der ganzheitliche Psychologe, der mit der Tür ins Haus fällt und die Dinge beim Namen nennt, wo ist dieser Jesus?
Ich habe als sehr junge Frau vieles ausprobiert am esoterischen Supermarkt, zum Teil aus Neugierde, zum Teil aus Widerstand und Rebellion gegen herkömmliche „Denksysteme“. In der Esoterik gibt es, wie überall, Gutes, Schlechtes und viele Dinge dazwischen. Ich traf leider zu viele Anbieterinnen, die mein Bedürfnis nach Selbstbestimmung, geistiger Freiheit und Vielfalt eher verletzt haben.
Nach vielen Jahren fand ich meine eigene Beziehung zum Christentum und zu diesem Gott. Ich fand meine eigene Beziehung zu mir selbst. Das Pendeln zwischen Autonomie und Verantwortung, zwischen Nähe und Distanz, es gehört einfach zu mir. Das Leben wird immer eine Herausforderung bleiben. Du musst das Leben nicht verstehen. Vertrauen, Trost, Glaube, Hoffnung, Zuversicht.

Alles, was ich jemals suchte, es war da, „der Himmel, er war bereits in mir“.
In all meinem Ringen und Zweifeln, in Freude und Liebe, Genuss und Hingabe gibt es für mich ein göttliches Du. Als ich meine vertrauten Standpunkte verlassen hatte, weil ich sie verlassen musste, begegnete ich diesem Du, mitten in einer schweren persönlichen Krise. Ich begegnete Gott auf Augenhöhe. Gleichzeitig begegnete ich Menschen, die ihr ganz persönliches christliches Weltbild mutig und glaubwürdig leben. Das ermutigte mich, zurück zu meinen Wurzeln zu gehen, mit einer völlig neuen Perspektive.
Schritt für Schritt, Atemzug um Atemzug. Das Leben erfordert täglich viele Entscheidungen. Ich bin dankbar dafür, dass es das Leben gibt und dankbar, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt.

nach oben

Menschenvolksbegehren

Menschen hautnah
Menschen hautnah

Die Arbeitswelt trennt Kinder von Eltern und Jung von Alt und die Langsamen und Feinfühligen von den Schnellen und „Funktionstüchtigen“. Sie beruht auf Profitdenken, stetem Wachstum und einem mechanistischen Weltbild.

Viele Frauen zerreißt es zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und nach Autonomie, nach dem Recht auf einen Platz und auf Anerkennung in (männlich dominierten) beruflichen Systemen und nach Unabhängigkeit. Das Leben in der Familie fordert manchmal so viel Selbstaufgabe, dass es manchmal dazu führt, dass wir Frauen uns darin verlieren. Gleichzeitig sorgt dieser Zwang zur Vereinbarkeit dafür, dass für viele die Gefühle der Fremdbestimmung so zunehmen, dass sie sich niemals finden können – als Frau.

Die Werte, die unser Berufsleben bestimmen, sind kapitalistisch orientiert. Sogar im pädagogischen/psychosozialen Bereich arbeiten wir mittlerweile eifrig und gehorsam die unsinnigen formalen und strukturellen Vorgaben eines kapitalistischen „Yes, we can!“ ab. Der Zwang zur Individualisierung und zur Perfektion macht uns zu automatisierten Einzelkämpferinnen. Die Ich-AGs, weil viele nicht mehr mitkönnen, sorgen dafür, dass wir uns ent-solidarisieren.

Sicher, die Emanzipation hat uns viel gebracht. Allerdings müssen wir Frauen uns jetzt auch noch in diesen männlichen und kapitalistischen Systemen bewähren, wenn wir echt gut sein wollen. Lebendige und mitmenschliche Impulse sind zu unterdrücken. Selbstbestimmung, Mitbestimmung und würdiges Leben, das wäre ein Volksbegehren wert!
Wie wollen wir leben in unserer Demokratie, wir Frauen, Männer und Kinder, und, vor allem, wozu leben wir?

nach oben

Vom Miteinander Spielen und Lernen

Foto Ulrich Reinthaller
Foto Ulrich Reinthaller

Vom miteinander spielen, arbeiten, streiten und leben Lernen

Wir reden viel über Pädagogik. Bildung und Erziehung neu denken? Wissenschaftlich einwandfreie Ergebnisse sorgen für kognitives Knowhow. Kompetenzmessungen. Potentialentfaltung. Bildungspläne. Notenwahrheit. Bis in den Kindergarten, bis zur Klasse, bis zu den Studentengruppen und zur Lehrerausbildung wird nun alles vorgeschrieben. Die computerunterstützte Verwaltung sorgt für die Umsetzung. Statistisch ausgerechnete Kinder?
Kinder wollen ihr eigenes Leben haben. Niemand will „durchschnittlich“ sein. Und niemand von uns kann abschätzen, welche Folgen dieser Rückfall in zutiefst verschultes und autoritäres Verhalten haben wird. Wir sollten endlich damit aufhören. Es passt nicht in ein demokratisches Menschenbild.

Sicher, wir können nicht mehr zurückgreifen auf gemeinsame Werte und Erziehungsgrundsätze. Alle, die in Kindergärten und Schulen arbeiten, können ein Lied davon singen. Also tun wir alle so, als wäre der Mensch eine Maschine und Erziehung eine mechanistische Aufgabe: wir belehren, schulmeistern und sagen, wie es geht.
Erziehung muss ermutigen, nicht mit dem großen Strom zu schwimmen. Erziehung zur Demokratie bedeutet, dass nicht immer alle in einer Reihe stehen. Wenn wir selbstständige Kinder haben wollen, dann müssen wir uns auch endlich Gedanken machen darüber, wie wir reagieren, wenn Kinder selbstständig sind. Wie gehen wir mit Kindern um, die nicht bereit sind, sich anzupassen? Es geht um Sozialisation, um Beziehung, darum, sich einzulieben und einzuleben. Wir müssen so miteinander leben (lernen), dass das Leben miteinander Freude macht.

Pädagogik kann und soll mehr sein als durchgestylte, professionelle Ideologie. Sie muss sich orientieren am denkenden, fühlenden und handelnden Menschen. Der suchende, leidende, konfliktgeladene Mensch. Bindung, Liebe, Autonomie, Selbstbestimmung. Diese Frage nach dem echten Menschen in der Welt müssen wir uns in der Pädagogik neu stellen.
Bilden ist nicht Machen.

nach oben

Kontakt / Impressum Cookies

© 2010-2020 - ermutigungen.at - Alle Rechte vorbehalten
Diese Seite wird von uns mit dem SIQUANDO Homepageerstellungssystem in Eigenregie erstellt, befüllt und gewartet.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website um diese laufend für Sie zu verbessern. Mehr erfahren