Geschichten

Auf gute alte Tage

Auf gute alte Tage



Tagsüber war es wirklich besser. Tagsüber schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, er konnte im Café ums Eck seinen Espresso trinken. Tagsüber war es gut. Das Alleinsein hatte auch etwas für sich. Aber es konnte mühselig werden. Er nestelte an den Knöpfen seiner Weste. Seine Hände wirkten trotz der vielen Falten zart und jugendlich, ein wenig ausgehungert. Streicheleinheiten wären gut, irgendwann.

„Opa, du musst einfach mehr raus, unter die Leute! Ich bin mir sicher, du findest jemanden, der sich gern mit dir trifft. Nur in die Trafik zweimal pro Woche, deine Zigarillos kaufen, das ist zu wenig.“ Er nickte. Sie meinte es ja gut. Seine Mutter wollte auch immer nur sein Bestes. Und dann, später, seine Ehefrau. So sind sie halt, die Frauen. Sie sorgen und kümmern sich gern.

Seine Schritte waren langsam. Und er war frohen Mutes. Espresso, Zigarillo, die Tageszeitung. Was will man schon mehr, in diesem Alter? Er brauchte keinen Arzt, keine speziellen Medikamente, er versorgte sich selbst, kaufte ein, kochte, wusch seine Wäsche, las Zeitschriften und Romane, spielte Tarock am Computer, fütterte die Vögel vorm Haus, kehrte die Stiege. Er sponserte sogar seine Enkelin. „Da, nimm das, du brauchst ja ohnehin immer Geld. Nimm es, und sag dem Papa nichts. Der muss das nicht wissen.“ „Super, Opa, danke dir! Und schon bin ich wieder weg… soll ich dich mitnehmen zur Trafik?“ Sie küsste ihn auf die linke Wange und war draußen bei der Tür. Er schmunzelte. Er mochte sie. Das Lustvolle, Lebendige, Leichte, das sie versprühte, das gab ihm Energie, erinnerte ihn daran, wie es einmal gewesen war. Sie kam zweimal die Woche, erzählte ihm, wie es ihr ging, wie schön sie es fände, wenn er sich noch einmal verlieben würde. „Opa, verliebt sein ist großartig! Man muss es nur zulassen! Verlieb dich doch, dann könnten wir beide hier sitzen und über unsere Liebschaften plaudern. Ich bin mir sicher, das würde dich beflügeln. Ich verspreche dir, ich würde dem Papa kein einziges Wort verraten.“ Ein wunderbares Mädel, die Rosa. Übermütig, tüchtig, lebensfroh, praktisch veranlagt.

Er stolperte beinahe über die Aluminiumschütte in der Trafik, diesmal war sie voll bis an den Rand mit Valentinstags- und Blumenservietten. An der Eingangstür hörte er ihre Stimme. „Grüß Gott, wie geht es Ihnen?“ „Ach, Sie sind es, wieder zurück aus dem Urlaub?“

Die Trafikantin stand ihm gegenüber, sichtlich erholt und entspannt. „Ich war nicht auf Urlaub, ich war auf Kur.“

Er nickte gedankenverloren. Ein klein wenig mühselig fühlte es sich an, hier in der Trafik, zwischen all den Sachen und Verkaufsständen, vor allem, wenn er angesprochen wurde. Er fühlte sich wohler zuhause in seinen eigenen vier Wänden. Angesprochen zu werden irritierte ihn, es brachte ihn immer aus seinem gewohnten Takt.

Er löste den Lottoschein, kaufte Zigarillos und die Tageszeitung. „Es ist schön. Die Sonne scheint.“ sagte sie. „Aha.“ „War Ihre Enkelin wieder zu Besuch?“ „Die Rosa?“ Er blickte kurz auf. „Ja, die Rosa…“ „Das ist fein, dass Ihre Enkelin Sie regelmäßig besucht.“ „Ja, regelmäßig.“ „Waren´s schon Ihren Espresso trinken?“ „Noch nicht. Ich wollte vorher meine Zigarillos kaufen.“ Wieder schaute er in ihr Gesicht. Irgendetwas verunsicherte ihn heute. „Der Frühling, der steht schon vor der Tür. Freuen Sie sich gar nicht?“ Er wackelte mit dem Kopf. „Na ja…“ Sie blickte ihn erwartungsvoll an. Eine eigenartige Stille legte sich plötzlich über den Raum, das passte ihm gar nicht. „Aha.“ Jetzt wusste er plötzlich, was ihm unangenehm war. Niemand sonst war in der Trafik. Er fühlte sich kontrolliert. „Woher wissen Sie, dass ich Espresso trinke?“ „Ich sehe Sie ja oft im Ort.“ Ihre Stimme klang plötzlich vertraut. „Und woher wissen Sie, dass meine Enkelin Rosa heißt?“ „Sie hatten es irgendwann einmal erwähnt… ich glaube, zu ihrem 18. Geburtstag. Da wollten Sie Servietten mit einer Rose vorn drauf für sie kaufen.“ Er wusste nicht, ob er zornig oder angenehm berührt sein sollte. Warum merkte sich diese Frau all das? Als könnte sie seine Gedanken lesen, fuhr sie fort: „Mit der Zeit bekommt man einen Überblick, wie die Menschen, die hierher kommen, leben, was sie machen, was sie mögen, wie sie ihre Zeit verbringen… einfach, weil sie hier regelmäßig ein und aus gehen. Sie gehören ja schon zum Inventar.“ Sie lachte.

Er schaute sie an, blickte in ihre Augen, sah ihren Mund, musterte die weiche, faltige Haut. Sie sah hübsch aus, füllig, durchlässig, rosige Wangen, die weißen Haare hochgesteckt. Sie war sicher noch keine Sechzig, aber das weiße Haar, es stand ihr verdammt gut. „Wie alt sind Sie?“ hörte er sich fragen. „Vierundsechzig“ erwiderte sie stolz „Nächstes Jahr gehe ich in Pension. Dann übergebe ich die Trafik meinem Neffen. Der ist seit einem Arbeitsunfall leicht gehbehindert. Und ich arbeite weiter. Stundenweise. Er soll einen guten Übergang haben. Es wird nicht leichter werden für ihn. Ich will ihm ein bisschen zur Seite stehen. Und Sie?“ „Ich? Ich bin in Pension.“ „Ja, ja, das weiß ich, aber, wie alt sind Sie?“ Ihm wurde ganz heiß, plötzlich, das war schon lange her, dass ihn eine Frau so direkt auf sein Alter ansprach. Sie schmunzelte. „Lassen Sie mich raten… siebzig?“ „Fast… sechsundsiebzig.“ flüsterte er. Er rechnete mit einem Aufschrei, mit Widerstand, Ekel, Abwehr, wenigstens ein Was, so alt sind Sie schon! - nichts von alledem.

„Alles jenseits der sechzig Jahre ist wirklich gut, finde ich. Ich bin so froh, dass ich am Leben bin… Meine Nichte ist mit vierunddreißig Jahren an Krebs gestorben. Unglaublich traurig ist das. Seither versuche ich jeden Tag zu genießen.“ Sie schaute ihn fragend an, so, als würde sie ein wohlwollendes Nicken erwarten.

Ja, so ein bejahrtes Gesicht, man sieht das viele Leben, die Fülle, die Traurigkeit, den Schmerz, die Freude, das Glückund trotzdem hat sie so junge, blitzende, wache Augen.

Warum war ihm diese Frau noch nie aufgefallen?

„Heute wirken Sie nicht so, als wäre alles mühselig.“ „Wie bitte?“ „Sie schauen sonst immer so aus, als wäre Ihnen alles ein bisschen zu mühselig. Dabei wirken Sie so gesund und fit, Sie sind ein eleganter Mann. Ich mag, wie Sie sich kleiden und wie Sie auf sich schauen. Die meisten Männer in ihrem Alter lassen sich ohnehin viel zu sehr gehen.“ Er fasste sich an seine Weste, ein wenig verlegen, als würde er etwas suchen. „Ihre Brille, die liegt hier, am Tresen, falls Sie die suchen.“ „Danke.“ Ihre Hände griffen nach seiner Lesebrille.

Alles an ihr ist zart, obwohl sie so rundlich ist, so wohlig genährt ausschaut.

Das Frauliche an ihr, das war ihm noch nie aufgefallen. „Wir könnten gern einmal auf einen Espresso gehen, nebenan, wenn Sie wollen. Ich lebe auch allein.“ „Auch?“ „Ja, schon lange. Mein Mann und ich, wir sind geschieden. Ich habe ihn schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt in Italien mit seiner zweiten Frau.“ So ein Idiot. Wie kann man so ein Weib stehen lassen! „Jetzt schauen Sie so! Wir waren nicht füreinander bestimmt. Machen Sie sich keine Sorgen. Er war nicht meine große Liebe, aber ich hab ihn trotz allem gern gehabt. Trotz allem. Es war ein großer Schmerz für mich, über den ich lange nicht hinweggekommen bin…“ Sie seufzte. „Schön, dass wir beide uns kennengelernt haben, nicht wahr? Ich mag Sie. Sie sind einer meiner liebsten Kunden.“ „Aha.“ „Jetzt sagen Sie es schon wieder.“ „Was?“ „Das Wort. Das Aha!“ „Aha.“ Sie lachte laut auf. „Heute bringe ich Sie aber wirklich aus Ihrem Konzept. Jetzt bin ich still. Ich muss eh die Taschenbücher einsortieren. Bis bald, einen feinen Tag wünsche ich Ihnen.“

Sie lächelte ihn an. Er lächelte vorsichtig zurück. Er nestelte an seiner Weste, um das Zittern seiner Hände zu verbergen. „Ich würde Sie gern einmal streicheln“, sagte er und blickte ihr mutig ins Gesicht. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und schaute ihn an.

Ihr Gesicht wurde ernst, von einer Sekunde auf die andere. „Danke. So etwas Behutsames hat noch nie jemand zu mir gesagt.“ Beide schwiegen. Dass die schönsten und besten Frauen so nah sind! Wo war ich nur mit meinen Gedanken die ganze Zeit?

Niemand von beiden wollte diese zerbrechliche Stille mit einem banalen Wort unterbrechen. Er drehte sich langsam zur Tür und schritt leichtfüßig aus dem Laden.

Morgen werde ich ausnahmsweise wiederkommen. Damit ich nichts mehr verpasse, auf meine alten Tage.






https://www.kleinezeitung.at/steiermark/weiz/5652272/Wortschatz-2019_Ein-literarischer-Schatz-aus-Holz

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